Musik des Mittelalters

Als Musik des Mittelalters wird die Musik aus einem nicht genau zu umreißenden Zeitraum zwischen Altertum und Neuzeit bezeichnet. Für die europäische Musikgeschichte hat das Mittelalter vor allem deswegen entscheidende Bedeutung, weil es mit der Schöpfung der Polyphonie eine Sonderstellung der abendländischen

Musiktradition gegenüber den Traditionen anderer Kulturkreise begründet. Dem voran aber war eine Art Rückbesinnung gegangen.

Frühmittelalterliche Schriftgelehrte hatten ihre Zeitgenossen mit den Grundzügen der antiken Musikanschauung und -praxis vertraut gemacht. Sie fußte auf der Lehre von den Zahlen als Prinzip einer Weltordnung, die sich auch in der Ordnung der Musik widerspiegeln sollte. Eine erste Folge war die ebenfalls von den Kirchenhäuptern angestrengte langsame Vereinheitlichung der römischen Liturgie, was langfristig zur Herausbildung eines verbindlichen Melodienrepertoires führte. Mit diesem Prozess in wechselseitiger Beeinflussung verknüpft war die Entstehung und stete Verbreitung musikalischer Notationssysteme, die erst sehr viel später zu dem uns bekannten Fünf-Linien-System vereinheitlicht wurde.

Musikpraktisch stand eindeutig der gregorianische Gesang im Mittelpunkt. Der durch Papst Gregor im späten 6. Jahrhundert geprägte Begriff der "Gregorianik" diente als Sammelbegriff für Formen und Lehre des Gregorianischen Gesangs bzw. Gregorianischen Chorals, dessen Repertoire im Verlauf des gesamten Mittelalters noch weiter ausgebaut wurde. Nach seiner Blütezeit ab dem 10. Jahrhundert verlor der Gregorianische Gesang immer mehr an liturgischer Bedeutung und konnte sich während der Renaissance nicht gegenüber moderneren weltlichen Musikformen behaupten. Eine andere Tradition, die erst im Mittelalter begründet wurde, war das Singen in der jeweils eigenen Volkssprache. Die seit dem 12. Jahrhundert mittels der Troubadoure und Trouveres verbreiteten Lieder und Themen, etablierte den Minne- und Meistergesang als wichtiges Element abendländischer Musikkultur.

Die schon auf das 9. Jahrhundert datierten frühen Formen der Polyphonie markieren auch den Anfang abendländischer Kunstmusik im heutigen Sinn. Aus diesen Anfängen heraus entwickelt sich auch die Motette, die schnell zur Hauptform der mehrstimmigen Musik wurde. Mit ihrer Verfeinerung der kompositorischen Mittel bringt die Ars nova des 14. Jahrhunderts eine Reihe ganz neuer musikalischer Traditionen hervor. Waren es in Frankreich neben der Motette vor allem die Ballade und das Rondeau, entstanden in Italien die Liedformen Madrigal und Caccia. Die besonders in Italien aber auch in England dieser Zeit verbreitete Einsatz der Intervalle Terz und Sexte führte zu einem neuen harmonischen Vollklang, der im Verlauf des 15. und 16. Jahrhundert allgemeinverbindliche Gültigkeit erlangt.