Romantik

Wie in den anderen Künsten auch, bezeichnet die musikalische Romantik eine Stilepoche, in der alles Schaffen von einer bestimmten romantischen geistigen Haltung und künstlerischem Aussagewillen geprägt war. Wesentlich Ideen übernahm die zwischen 1830 und 1910 anzusetzende Epoche von der zwei Jahrzehnte früher

einsetzenden romantischen Bewegung in der Literatur. In ihr galt Musik als universale und über jeder Sprache stehende Kunst, als direktes Medium des menschlichen Innern und als Symbol eines naturhaft klingenden Kosmos.

Auch wenn sich romantische Tendenzen schon mit dem Spätwerk der Wiener Klassik, insbesondere aber bei Beethoven, ausmachen lassen, markierten erst sein Tod und der von Franz Schubert das endgültige Ende der Klassik genannten Periode. Ihre Protagonisten hatten den strengen klassischen Formenkatalog erst ausgereizt und dann zu sprengen begonnen. Immer häufiger waren feste Formschemata nur noch Optionen, die je nach inhaltlicher Aussage mehr oder weniger verbindlich waren. Die allgemeine Poetisierung des Musikalischen führte überall in der Musik zur Suche nach einem neuen Ausdruck des Klangs.

Praktisch zeigte sich das daran, dass sich die tonal gebundene abendländische Mehrstimmigkeit nie reicher, freier und farbiger hätte entfalten können, was unter anderem den Werken von Hector Berlioz, Richard Wagner, Claude Debussy und Gustav Mahler noch heute anzuhören ist. Kennzeichnend dafür ist unablässige Erweiterung und Ausdifferenzierung sowie in einigen Fällen auch Auflösung aller musikalischen Mittel und Elemente. Harmonisch gelang das vor allem durch Verschleierung tonaler Zentren, den Einsatz entlegener Tonarten und einem gesteigerten Gewicht auf Klanglichkeit und weniger auf formelle Korrektheit. Aber auch melodisch und rhythmisch zeigt sich, dass traditionelle Formen durchlässig sind und die Grenzen formaler Gestaltung immer fließender verlaufen. Damit kennzeichnet die Romantik den Höhepunkt einer Entwicklung, die über viele Jahrhunderte und Stilepochen bis in das Mittelalter zurückreicht.

Zusammen mit der neuen Erwartungshaltung und diesem neu-formulierten musikalischen Anspruch bereitete die Romantik den Boden für ein gänzlich neues Musikverständnis. Einmal mehr wird die musikalische Vergangenheit neu entdeckt und wiederbelebt, wovon in dieser Zeit vor allem auch Volksliedsammlungen profitieren. Das Virtuosentum und der Begriff Genie haben Konjunktur und die Schere zwischen ernster und trivialer Musik tut sich immer weiter auf. Ein gewisser Drang zum Irrationalen, zu nationalen oder volkstümlichen Natur- und Schicksalsmächten geht einher mit der Vorstellung von Musik als einem zu gestaltenden Gesamtkunstwerk. Die musikalischen Facetten und Strömungen der Romantik aber waren insgesamt so komplex und vielseitig, dass sie es sogar bewerkstelligten, zeitgenössische Gegenströmungen wie die von Johannes Brahms zu inkorporieren und auch sie unter dem Dach der Romantik zu vereinen.